Nepal & Indien 2019

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4. Juni 2019

Amritsar

Amritsar liegt im Nordwestlichen Bundesstaat Punjab, 30km von der pakistanischen Grenze entfernt und gilt als spirituelles Zentrum des Sikhismus. Besonders bekannt ist der „goldene Tempel“ (Harmandir Sahib), der von einem großen Wasserbecken umlagert wird. Aufgrund der äußerst sozialen Religionszügen der Sikhs findet sich in Tempelnähe das Langhar Ghar, eine Essensausgabe, an der täglich über 100.000 Menschen kostenlos speisen können. Denn es heißt, dass niemand in Amritsar hungrig zu Bett gehen soll. An der Pakistanischen Grenze findet täglich vor Sonnenuntergang bei Wagah eine Zeremonie für den Frieden statt, bei der auf beiden Seiten der Grenze getanzt und gesungen wird.  


Tag 1: 

Auf geht‘s zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ganz oben steht natürlich die extrem gut erhaltene Altstadt mit dem goldenen Tempel als Top Attraktion. Der Weg dorthin führt durch die gefüllten Straßen des Bazars, wo allerlei Früchte, Snacks und Souvenirs angeboten werden. Nach kurzer Zeit gelangt man in eine sehr gepflegte Fußgängerzone, in der unglaublich viele Menschen in Richtung des Tempels strömen. Sobald man, die in roten Steinen, gehaltene Altstadt betritt, fallen einem sofort die vielen Männer mit großen Turbanen und die Musik auf, die in der ganzen Altstadt durch Lautsprecher abgespielt wird. Bei der „Musik“ handelt sich um Verse, die musikalisch hinterlegt sind, bei den Männern, um Sikhs, die sich auf den Weg zur heiligsten Stätte ihres Glaubens machen. 

In der Fußgängerzone registrierten wir nach kurzer Zeit, dass uns jede Minute unzählige Augen im Blick hatten. Einige Inder blieben einfach vor uns stehen, sprachen kein Wort und schauten uns gespannt an. Die meisten jedoch kamen völlig begeistert und euphorisch auf uns zu gelaufen, präsentierten stolz die Standard Sätze aus dem Englischunterricht und fragten nach einem Foto. Mit dem ersten Selfie nahm das Übel seinen Lauf. Es war, als ob der Tempel plötzlich nur noch Nebensache und stattdessen ein Foto mit den einzigen europäischen Touristen in der Stadt das non plus ultra sei. Sagen wir es so: Der Aufstieg zum Social Media Influencer in Indien ist auf jeden Fall drin. 

Als wir mit den Massen den Tempel erreichten, galt es strikte Regeln zu beachten: Schuhe aus, Kopftuch an und Rucksack abgeben, waren die Vorraussetzungen, um in die Tempelanlage zu gelangen. 

Alle Bedingungen erfüllt, mussten wir noch ein Fußbad passieren, um endgültig zu der heiligen Stätte zu gelangen. Freundlicherweise wurden die heißen Pflaster, die rund um die Anlage gelegt sind, mit Teppichen überdeckt, die der extremen Sonneneinstrahlung jedoch nicht zu 100% standhalten konnten. Bereits nach wenigen Minuten wurde uns bewusst: Die Runde im Uhrzeigersinn um den Tempel wird unsere Füße definitiv abfackeln. Nach vielen Pausen und noch viel mehr Fotos mit Indern, haben wir die Umrundung letztendlich erfolgreich absolviert und konnten uns einen ersten Eindruck davon verschaffen, wie unglaubliche bunt, lebensfroh und ästhetisch Indien sein kann. 

Als nächstes suchten wir eine Platz im Schatten zum Verschnaufen und fanden diesen im Jallianwala Bagh Garden, der eine Gedenkstätte für ein Massaker von Indern, die durch britische Soldaten getötet wurden, beinhaltet. Wie zuvor beim Tempel, waren wir nach kurzer Zeit wieder die Hauptattraktion des gesamten Parks. Gerade unter einer Palme niedergelassen, kamen die ersten Inder, die um ein Foto fragten. Ermutig durch die ersten Vorreiter, die sich getraut haben zu fragen, bildete sich prompt eine staunende Schlange von Leuten, die nur darauf warteten ein Instagram reifes Bild mit uns zu machen. Dabei hielten wir teilweise den erst 12 Monate alten Nachwuchs auf den Armen, machten neue Familienporträts, oder durften dem Familienältesten a la Bundesliga Vertragsfoto die Hand schütteln. Nachdem die ersten Wellen an Kunden befriedigt wurde und wir uns einfach hinlegen konnten, kamen ab und zu Leute, die uns zufällig gesehen oder vielleicht schon von uns gehört hatten, und setzten sich einfach nichts sagend neben uns und gingen in die Beobachtung über. Später gesellte sich eine Gruppe (6) junger Studenten zu uns, die allerlei Dinge von uns erfahren wollten und sogar eine Gesangseinlage performten. 

So blieben wir doch länger als gedacht bei den Jungs im Park und in der Sonne, die vor allem Jakobs Haut ziemlich zugesetzt und Verbrennungen des gefühlt 3. Grades verursacht hatte, weshalb der Abend im Hotelgarten ausgeklungen lassen wurde.


Tag 2: 

Am 2. Tag sollte es abends zur Zeremonie an die pakistanische Grenze gehen und vorher endgültig geklärt werden, welche Städte in den verbleibenden Tagen noch angesteuert werden sollten. Nachdem wir überrascht um 10 Uhr morgens in unserem konstant über 30 C warmen Zimmer aufwachten, ging es nach dem Frühstück in ein, von außen, modern aussehendes Café, in dem wir WLAN vermuteten, aber letztlich feststellen mussten, dass neben der halben Getränkekarte auch WLAN nicht verfügbar war. Miese. Also wählten wir unsere folgenden Ziele nach zeitökonomischen Optimierungen und Empfehlungen von Café Besuchern aus. Zufällig trafen wir auf einen Verkäufer, der Transfers zur 30 km entfernten Grenze organisiert und uns ein billiges Ticket verkaufte. 

Mit 2 Familien zusammen im Auto ging es dann Richtung Pakistan. Doch bereits nach 20 minütiger Fahrt schien die Parade für uns in weiter Ferne. Denn unser Fahrer hatte eines der vollbeladnen TukTuks auf der Kreuzung übersehen. Ein dumpfer Schlag, ein lautes Gebrüll des Fahrers und dann wurde das Auto ordnungsgemäß mitten auf der Kreuzung abgestellt. Der Streetfight wurde im letzten Moment verhindert, dafür waren wir die größte Verkehrsbehinderung in ganz Amritsar und verursachten einen gigantischen Stau, der von spontan und eingesprungenen, ehrenamtlichen Verkehrslotsen reguliert wurde. Nichts desto trotz ging es für uns nach einigen Minuten weiter. 

Die Location der Zeremonie stellte sich mehr oder weniger als Stadion heraus, das auf beiden Seiten der Grenzen Platz für mehrere tausend Zuschauer bietet. Die Zeremonie selbst lässt sich nur als völlig gestört und unglaublich verwirrend beschreiben.  

Zunächst muss gesagt werden, dass die indischen Tribünen bis auf den letzten Platz mit Besuchern belegt waren, die alle entweder mit, in den Nationalfarben Indiens gehaltenen, TShirts, Kappen oder Fahnen ausgestattet waren. 

Dann wurde vor Beginn der Zeremonie der dancefloor geöffnet und hunderte Leute tanzten zu Festival Musik auf der Straße. 

Dann begann die eigentliche Zeremonie, die jedoch keinen friedlichen Eindruck hinterließ, da die Border Security Force in äußerst aggressiver Haltung Märsche und allerlei Waffen vor dem Publikum präsentierte, das von einem abgestellten Soldaten ständig aufgeheizt und gepuscht wurde. Erst ganz am Ende der Zeremonie wurden die Grenztore der beiden Staaten geöffnet und der obligatorische Akt der „lowering flags“, bei denen beide Staatsflaggen heruntergenommen werden, praktiziert. 

Dann war der ganze Zauber auch schon wieder beendet und wir machten uns auf den Heimweg. 

Was wir von dieser Zeremonie halten sollen, wissen wir aber noch nicht.

 

Tag 3:

2633 km auf den Gleisen ist unsere aktuelle Route, stand jetzt, lang (so weit sich nichts ändert). Die Ziele führen von der pakistanischen Grenze bei der Stadt Amritsar über Agra (Taj Mahal), Jhansi (südlichster Punkt unserer Route), Kanpur, Varanasi sowie Lucknow, letztlich nach Delhi. Bei der uns verbleibenden Zeit, können wir in jeder Stadt etwa 2 ganze Tage einplanen, so lange wir Nachttransfers bevorzugen, oder die kurzen Strecken morgens mit dem Zug bewältigen. Aber, so, wie wir uns und die Inder kennen, ist natürlich nichts garantiert und alles letztendlich offen. 

Der 3. Tag sollte unser letzter in Amritsar werden. Da die Reise in Indien jetzt ja fertig durchgeplant war, galt es für uns nun, alle Zugtickets für die Fahrten zwischen den einzelnen Stops zu buchen. Die Online-Buchung war aber beim letzten Mal alles andere als unkompliziert und die passenden Züge nicht mehr verfügbar, also beschlossen wir, direkt an Ort und Stelle, am Bahnhof von Amritsar, nachzufragen.

Am Ticket Counter wären wir allerdings völlig aufgeschmissen gewesen, hätten wir nicht fünf sehr nette und hilfsbereite Studenten getroffen. Von ihnen erfuhren wir dann auch, dass wir uns die wohl beste Zeit für einen Aufenthalt in Indien ausgesucht hatten - Indiens Ferienzeit... Geil! Vor allem wenn alle Inder bei bevorstehendem Monsun vom Süden und der Westküste in den Norden flüchten. Bei der Buchung einer Zugfahrt auf einer Hauptroute 20 Tage vorher, schafft man es so zur Zeit leider nur auf die Warteliste.

So haben wir eine halbe Ewigkeit am Ticketschalter verbracht, wie immer umzingelt von ein paar Indern, bis irgendwann die Läden runter gingen. Bei Mittagspausen kennt man hier anscheinend auch nichts und lässt einfach mal alles stehen und liegen. Als diese dann überstanden war, konnte es weiter gehen. Ende vom Lied: Tickets konnten nicht gebucht werden... Jetzt müssen wir wohl alles Step by Step machen.

Erholung von diesen Komplikationen konnten wir in einem Park finden, nicht weit von unserem Hotel entfernt. Doch immer wenn man hier ein ruhiges Plätzchen gefunden hat, gesellen sich nach wenigen Minuten die ersten Leute dazu. In diesem Fall war das eine indische Seniorenrunde (zwischen 70 und 85 Jahre alt), die sich regelmäßig zum Karten zocken im Park trifft. So genossen alle in chilliger Runde die Parkatmosphäre.

Gegen Abend machten wir uns dann wieder in Richtung des goldenen Tempels auf. Auf keinen Fall wollten wir uns in der Tempelanlage das sogenannte „Lagar“, was als Art gemeinsames Abendmahl zu verstehen ist, entgehen lassen. Rund um die Uhr bekommen dort tausende Menschen kostenlos Essen, welches alle dann zusammen in einer großen Halle verspeisen. Aber auch der goldene Tempel versprühte bei der Beleuchtung in der Dunkelheit eine ganz besondere Atmosphäre. Ein gelungener Abschluss für unseren Aufenthalt in Amritsar!


Unser Sleeper-Nachtbus in Richtung Delhi, von wo wir in den Zug Richtung Agra umstiegen, sollte planmäßig um 22.30 Uhr abfahren. Geprägt von der Hinfahrt nach Amritsar mit dem Zug und allen weiteren Erfahrungen mit den Standarts in Indien, hatten wir keine allzu hohen Erwartungen. Überrascht wurden wir dann allerdings von einer klimatisierten Doppelkabine, ausgestattet mit Steckdosen, einem Fernseher und Highspeed WLAN. Wir kamen dann also gut in Agra an, wenn auch mit etwas wenig Schlaf...



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